02 Nov

Bettdecke

Gestern abend daheim gab es dann frittierte Pilze mit Ei und Kartoffeln. Es war sehr lecker, leider fand das mein Magen nicht und so wurde es eine lange und unangenehme Nacht. In diesen Momenten wünsche ich mir mein Zuhause zurück. Meine eigenen vier Wände, wo es mir auch schlecht gehen kann. Nicht nur körperlich sondern auch seelisch. Wo ich wütend, traurig und verzweifelt sein kann ohne das Gefühl zu haben, jemanden damit zur Last zu fallen. Ich vermisse das Gefühl mich in MEIN Bett fallen zu lassen, mir die Decke über den Kopf zu ziehen und nur für mich zu sein.

Doch ich habe immer das Gefühl, ich musste mich bei meinen Gastgebern von der besten Seite zeigen. Eine Maske aufsetzen und nicht „zu viele Fragen stellen“. Wer will schon jemand in seiner Wohnung haben, der frustriert aus der Wäsche guckt? Aber es ist anstrengend die Maske zu bewarren und nicht zu viel von der traurigen Seite durchblicken zu lassen.

Das erinnert mich sehr an die Krebserkrankung meiner Mutter. Natürlich war es ein Schock als Tochter zu verstehen (obwohl verstehen der falsche Begriff ist, weil man es nicht versteht), was da gerade passiert. Man befindet sich wie in einem Schockzustand, der es nicht zulässt zu registrieren, dass sich das Leben von einem zum anderem Moment schlagartig verändern kann. Und das man diesem Umschwung nur machtlos gegenüber steht. Man merkt nur das etwas zerbricht. Sei es die heile Welt in der man vorher gelebt hat, obwohl man das nie zu schätzen gewusst hat. Oder das Herz das die Angst, die nun kommt nicht aushält. An wenn kann man sich wenden, bei wem seine Beschwerde einreichen?

Es begann ein Lauf der Gespräche mit Freunden und Familienmitgliedern. Ich wollte diese schreckliche „Sache“ teilen, weil ich meinte bzw. merkte, dass ich damit nicht alleine fertig werden würde. Ich wollte über meine Ängste sprechen, über den Tod und über meine Lebenssituation. Doch sehr schnell musste ich feststellen, dass ich die anderen damit schockte, sie konfrontierte mit einem Thema was sie nicht in ihrem Leben haben wollten. Schnell würde das Thema auf andere Dinge gelenkt, die mit weiten nicht so tiefgründig sind wie das Leben und der daraus resultierende TOD. So meinte ich schnell, nicht mehr über „solche“ Dinge zu sprechen. Ich setzte ein Lächeln auf und bei jeder Frage: „Wie geht es deiner Mutter? /Wie geht es dir?“, war meine Antwort: Gut, es wird schon wieder!.

Ich habe mich selbst belogen. Es wird nicht gut, wenn man nicht lernt darüber zu sprechen, was in einem passiert. Man kann nicht heilen, wenn man nicht das raus lässt was schädlich ist. Ich habe meine Mama in dieser Zeit sehr intensiv begleitet und ich habe heute noch damit zu kämpfen. Zu kämpften mit den Dingen, die ich gesehen habe, gefühlt habe und bis heute nicht richtig verstanden habe.

Als junger Mensch hat man innerlich eine „das Leben ist Ewig“- Einstellung, doch ich musste mit 19 Jahren feststellen, dass das eine Lüge ist. Das da ein Thema ist womit ich mich vorher nie wirklich beschäftigt habe: der Tod. Wie auch? Haben wir doch als Gesellschaft diese Schreckensangelegenheit aus unseren Leben gegliedert. Schon lange leben wir nicht mehr in Großfamilien zusammen, wo das Sterben der Großeltern bzw. Verwandten als natürlicher Teil des Lebens betrachtet und begleitet wird. Heute haben wir unsere Altersheime und Krankenhäuser, die es uns erleichtern uns nicht mit dieser schwierigen Gegebenheit zu beschäftigen.  Dadurch haben wir die Möglichkeit alle kranken und alten Menschen aus dem Stadtbild zu entfernen. Doch sollten wir das tun?

Ich denke es ist ein Fehler. Um so größer ist der Schock, wenn man feststellen muss, dass das Leben nicht ewig ist und das ich mit jedem Lebensmoment einem Ziel näher rücke. Uns geht damit eine Wertschätzung des Lebens verloren. Denn wenn man versteht, dass die Zeit abläuft, kann man sich Gedanken darüber machen, wie man sie nutzen will.

Soviele Momente die ich auf meiner Reise erleben durfte, haben mich verstehen lassen, warum diese Augenblicke so wichtig sind. Sie füllen uns mit Lebensenergie und Hoffnung, sie lassen uns aufatmen und heilen. Ich bin auf einem Weg, irrelevant wo er endet, mit dem Bewusstsein, dass er mir hilft mich zu heilen und über mich hinauszuwachsen.

Ein Gedanke zu „Bettdecke

  1. Meine liebe Hanna, es fällt mir schwer auf all deine Probleme sofort und richtig zu antworten. Aber ich möchte dir so gern mit meinen paar Worten aus der Ferne eine Antwort geben. Deine Gedanken zum Tod sind wie bei fasst allen Menschen immer depressiv, wer kann damit schon ohne Angst umgehen. Ja, du hast schon Recht, man sollte mit der Zeit, die man zur Verfügung hat, leider weiss man nicht wie viel, jeden Tag bewusst umgehen und als Geschenk ansehen. Die Krankheit oder der Tod eines geliebten Menschen, weisst du, ich habe so viele, zu viele geliebte Menschen in meinem Leben verloren, dass ich immer auch den Gedanken an den Tod hatte und auch noch habe. Aber vielmehr war meine Trauer um Versäumtes, d.h. nicht all meine notwendige Zuwendung zu Lebzeiten der von mir Gegangenen gegeben zu haben.
    Aber meine Kleine, zeige ruhig deinem Umfeld, dass du auch traurig bist, denn aufgesetzte Freundlichkeit, sich verbiegen, tut deiner Seele nicht gut. Auch du bringst doch Verständnis auf, wenn sich dein Gegenüber mal zurückzieht oder gar unfreundlich dreinschaut. Das Leben ist so schön, du machst alles richtig, denn ich sehe, wie du dich mit all dem Erlebten beschäftigst, Gesehenes wahrnimmst und somit dein Weltbild gestaltest und aufbaust.
    Komm, lass deine schönen Augen wieder alles wahrnehmen was dich umgibt, sauge alles auf und lass deine Seele weiter teilhaben am Geschehen, welches dich umgibt.
    In Gedanken drücke ich dich ganz doll, gebe dir einen zärtlichen Kuss auf deine Stirn.
    Zieh auch in der fremden Welt deine Bettdecke über den Kopf, das müssen auch deine Gastgeber verstehen. Ich habe dich ganz doll lieb. D.O.M.

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