22 Okt

Das große „Nein“ und das kleine „Zweifeln“

Seitdem ich meinem Blog begonnen habe, habe ich mir immer eine Frage gestellt: Wie viel kannst du schreiben? Damit meine ich nicht Worte. Nein, es geht mir eher um die Erfahrungen und Erlebnisse, den ich auf meiner Reise begegne oder teilweise ausgesetzt bin. Für mich stand immer fest, dass ich meine Berichte ehrlich und hautnah verfassen will. Trotzallem wusste ich auch wer zu meinen Lesern gehört und das nicht alle ehrlichen Berichte gleichzeitig schön sind.

Gestern hatte ich dann die Möglichkeit über Skype ein Telefonat mit meiner Mama zu führen und sie ermutigte mich, auch von den unschönen Seiten meiner Reise zu berichten. Ja, dass ist das was ich will. Ein Bericht der alles beleuchtet und meinen Weg in einem fremden Land beschreibt.

In den 4 Monaten habe ich nicht nur schöne  Augenblicke erlebt, sondern auch schmerzhafte, traurige und Momente die mich verzweifeln ließen. Trotzallem kann ich voller Überzeugung und Vertrauen in meinen Weg  sagen, dass ich es nicht bereue. Genau deswegen habe ich mich entschieden, ab sofort nicht nur von schönen Sehenswürdigkeiten und kleinen Gassen zu berichten, sondern auch von den Gefühlen und Erlebnissen, wenn man alleine durch die Welt zieht.

Nach meiner ersten Farm vor 3 Monaten habe ich beschlossen, dass ich über Couchsurfing neue Städte bereisen möchte. Mir war im Vorhinein klar, welches Risiko ich eingehe. Doch über viele Gespräche mit Bekannten und Freunden, habe ich meinen Mut zusammen genommen und es probiert. In kürzester Zeit begegnete ich tollen Menschen, die mich auch jetzt noch begleiten. Ich hatte die Möglichkeit die Städte mit ihren in ihnen lebenden Menschen kennenzulernen.

Ich weiß nicht ob ich mit der Zeit zu Selbstsicher (Es wird schon nichts passieren) oder zu laissez würde.  Vielleicht bin ich über den Prozess des Couchsurfing naiv geworden.

Meine letzte Erfahrung bei Couchsurfen holte mich dann wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Nicht alle haben den Wunsch, einem Gast NUR die Stadt zu zeigen oder gemeinsam zu kochen. Es spielt ein anderer Gedanke im Hindergrund mit. Dessen war ich mir bis dahin unterschwellig bewusst. So kam es wie es kommen musste, einer der Couchsurfer versuchte sein Glück in der Nacht. Nach mehreren Ansagen, dass ich wirklich kein Interesse hatte, verließ ich den Raum.

Doch ich saß im „Irgendwo“und wusste auch nicht recht wo die nächste belebte Stadt war. So entschied ich mich es auszusitzen.

Am nächsten Morgen räumte mein Host meine Matraze von Boden, obwohl ich noch eine weitere Nacht bei ihn schlafen musste. Da ich bisher keinen anderen Host gefunden hatte und ein Hotel in Lecce zu teuer wäre. Doch auch nachdem ich ihn bat wieder die Matraze zurückzulegen, bot er mir an im Bett zu schlafen. Er würde woanders schlafen. Ich erklärte ihm, dass ich auf keinen Fall im Bett schlafen werde, da ich befürchtete das er es als Vorwand nahm, um den Platz teilen zu müssen.  Daraufhin sagte er mir, ich solle mir eine andere Unterkunft suchen. Ich war geschockt und wusste nicht wie es jetzt weiter gehen sollte. Wo sollte ich schlafen?

Ich bin alleine in einem mir nicht bekannten Land. Sollte ich nach Hause fahren? Ich hatte das Gefühl, zu schnell das Handtuch zu werfen und ich wollte mich von so einer Erfahrung nicht unterkriegen lassen. Doch ich hatte solche Sehnsucht nach einer Umarmung, ein Kuss auf die Stirn und ein Wort des Trostes.

Ich fand einen Schlafplatz bei einem anderen Couch-Host. Trotzallem reiste nun ein neues Gefühl der Angst und Hilflosigkeit mit.

Einige Menschen mit denen ich später darüber sprach, waren der Auffassung, dass es eine Normalität wäre. Eine Frau die alleine unterwegs ist, muss immer damit rechnen das ihr so etwas passiert. Ich stimme dem Teil zu, dass ich hätte damit rechnen müssen. Doch Normalität? So sind Männer halt? Das hört sich in meinen Ohren wie ein Freifahrtschein an, den es Männern ermöglicht das zu nehmen was sie wollen, weil sie ja Männer sind.

NEIN, ich will das nicht glauben. Zu viele nette Menschen sind mir auf meiner Reise begegnet. 70% davon Männer. Natürlich gibt es diesen „hoffentlich“ kleinen Anteil von Männern, die eine Gegenleistung für Unterkunft (und das vielleicht bezahlte Abendessen wollen).

Ganz oft habe ich seitdem darüber nachgedacht, welches mein Anteil an der Geschichte war. Ich weiß, dass ich ein offener, herzlicher und liebeswürdiger Mensch bin. Vielleicht kann das schnell falsch verstanden werden. Doch was ist die Schlussfolgerung? Muss ich immer kalt und zurückweisend sein, damit ich keine Angst vor einem Übergriff haben muss. So möchte ich nicht reisen. Ich möchte „Ich“ bleiben können.

Zwei Wochen später fand ich mich bei einer Ärztin wieder. Mein Ausschlag, den ich auf der Farm bekommen hatte, wollte nicht weggehen und wuchs zunehmend. Die Ärztin meinte mein Körper, wohl eher meine Psyche, befindet sich in einem emotionalen Schock. Nach einem kurzen Gespräch über meine letzten Erfahrungen, meinte sie ich müsse lernen „NEIN“ zu sagen.

Natürlich war mir das klar! Doch da war auch ein Gefühl den anderen nicht verletzen zu wollen. Der Host offnet seine Türen, um fremde Menschen bei sich übernachten zu lassen und schenkt seine Zeit dem Besucher. Ich möchte das wertschätzen und mich trotzdem beschützt fühlen, denn die nächsten Stunden manchmal auch Tage geht man eine gewisse Abhängigkeit zu diesem fremden Menschen ein.

Ich fand die Frage nach der Grenze jedoch viel bedeutsamer. Wo ist ein Lächeln, ein freundschaftliches zustimmen und wo ein anlocken mit Hintergedanken.  Für mich ist diese Grenze sehr verschwommen und schwer fassbar.

Für die nächste Zeit werde ich mich ohne Couchsurfen durchschlagen. Denn ich weiß, dass die Erfahrung noch zu früh ist, um ungefangen jemand anderen eine neue Change zu geben, mein Bild auf „Couchsurfing“ zu ändern.

4 Gedanken zu „Das große „Nein“ und das kleine „Zweifeln“

  1. Ja, meine liebe Hanna, wenn man eine äussere sichtbare Abwehr aufbauen muss, um sich selber treu zu bleiben und zu schützen, kann das aber Trotzdem mit dem sich nicht im Innern verbiegen im Einklang stehen. Dieses differenzierte auf Menschen Zugehen, ist wohl auch ein wichtiger Lernprozess im Leben. Man darf daran kein Schaden nehmen. Die Gefahren im Leben kannst du nicht verändern, nur rechtzeitig erkennen ist wichtig. Es ist wie beim Fechten, ich schau mir meinen Gegenüber erst mit Abstand an, um für mich die richtige Art des Umgehens mit ihm zu erkennen. Du änderst die Menschen, speziell die Männer nicht, denn Freundlichkeit kann auch eine Aufforderung, wie man so schön sagt, zum Tanz bedeuten. Ich glaube aber, ich schrieb diese Vorsichtnahme bereits schon am Anfang deiner doch trotz alledem wunderbaren und mutigen Reise. Deine Freundlichkeit sollte nur der geniessen, der es ehrlich mit dir meint. Es ist nicht immer leicht die ehrlichen Absichten deines Gegenüber zu erkennen. Ja, deine Mama hat recht, dass du auch schlechte Erfahrungen berichten musst, ohne die es kein neues Erleben mit Risiken geben kann. Bleibe weiter neugierig unter Beachtung lauernder Gefahren, denn nur so kannst du dein Leben bereichern. Ich würde dich so gerne in meine Arme schliessen, dich drücken und einen zärtlichen Kuss auf deine schöne Stirn geben.D.O.M.

  2. Meine liebe Moni,
    ich danke dir für deinen tollen Kommentar und ich finde dein Beispiel mit dem Fechten sehr anschaulich. Du weißt nie wer sich wirklich unter der Maske verbirgt. Vielleicht hätte ich doch langer fechten sollen 🙂
    Trotzdem hat man immer eine Waffe griffbereit und ist allerzeit auf einen Kampf eingestellt.
    Ich hätte gerne eine Begegnung geschaffen wie ein Tanz. Es kann ein Burgtanz sein, wo man sich nur mit einer Hand berührt oder ein Streetdance-Tanz der voller Schnelligkeit, Energie und Kraft strotzt. Jedoch meist ohne Berührung tatfindet.
    In der Vorstellung habe ich keine Waffe und gehe nicht davon aus, dass der andere mich angreifen will. Vielleicht ist das zu naiv?
    Vielleicht glaube ich zu sehr in das Gute im Menschen.

    Ich freue mich auch über die Schatten-Seiten meiner Reise schreiben zu können. Sie beeinflussen alle weiteren Schritte und mein „Ich“.
    DANKE

  3. Liebe Hanna, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, gern würd ich dich in den Arm nehmen und drücken, dir sagen das du alles richtig machst. Es bringt nichts kälter und ablehnender zu werden um solche Erlebnisse zu umgehen. Leider gibt es diese Grenzüberschreitungen im Körperlichen und Seelischen und wir müssen lernen damit klar zu kommen ohne uns zu verstellen. Deine Reise ist auch eine Fahrt in diese Tiefen unserer Seele, wo wir versuchen solche Erlebnisse als Opfer und Täter zu verarbeiten. Es ist gut das du die Tür zu dieser Deiner Welt öffnest und dir Verständis und Rat holst. Mir hat es viel gebracht diese Tür zu öffnen und offen zu halten. Das Erzählen ist da Ventil um den innen Druck abzubauen, den ich so oft bei dir gespürt habe. Ich glaube das du ein Stück zu dir selbst gefunden hast und so schlimm dieser Vorfall war hast du die richtigen, nicht leichten, Entscheidungen getroffen. Das wird dir Kraft geben solchen Erlebnissen anders entgegen zu treten. Ich bewundere dich für deinen Mut, ich glaube ich wäre heute noch nicht in der Lage solch ein Abenteuer anzutreten. Ich weiß ich werde meine Hanna gestärkt und mutiger in meine Arme nehmen können in da für bin ich unendlich dankbar.
    Liebe herzliche Drücke auf deine Stirn.
    Eselpapa

  4. Liebe Hanna, ich hoffe du hast auch meine Geburtstagswünsche per mail erhalten. Bin jetzt im Zweifel, ob du überhaupt mail´s empfangen kannst
    Auch Bilder die meine Wünsche für dich visuell bekräftigen sollten waren dabei. Die Frage, kann ich dir denn auch auf diesem Wege hier Fotos mailen ?
    Ich drücke dich ganz lieb und bin in Gedanken bei Dir. D.O.M.